Grenzstreifung DDR (#4) – Die Mauer

Berlin, Mitte der 80er Jahre

Die Mauer ist ungefähr 155 km lang.
Sie reicht einmal um West-Berlin herum.
Geht oder fährt man immerzu geradeaus steht man irgendwann an der Mauer, an der Spree oder an einem Grenzübergang.

Die Mauer, das sind eigentlich zwei Mauern:
Hinterlandmauer: 2-3m hoch, Beton, Metallgitter, manchmal ehemalige Häuserwand
West-Berlin zugewandte Mauer: 3-4m hoch, Betonplatten, und auf der Krone eine Betonröhre von 50cm Umfang, an der man keinen Halt findet.

Vor der West-Berlin zugewandten Seite der Mauer ist noch das „Unterbaugebiet“, mal schmaler mal breiter – ein Stück Land, das noch zur DDR gehört. An manchen Stellen teilt die Grenze Straßen der Länge nach und verläuft auf dem Gehweg oder direkt an den Häuserfronten zu den Häusern auf der Westseite. Da ist die Mauer soweit auf DDR Territorium zurückgesetzt, dass die Menschen ihre Häuser betreten können.
Man kann also diesseits der Mauer entlanggehen und sich trotzdem in der DDR befinden.

Zwischen den beiden Mauern gibt es eine Menge Aufwand, der die Menschen an der Republikflucht hindern soll: Wachtürme mit Suchscheinwerfern, Kontaktzäune und Signaldrähte – so werden Grenzposten alarmiert bzw. Leuchtkugeln ausgelöst, Fahrzeugsperren – KFZ-Gräben und spanische Reiter, der Kontrollstreifen – geharkte Sandflächen auf denen man Fußspuren sieht, die Lichtanlage, die auf dem Todesstreifen die Nacht zum Tage macht, Patrouillen zu Land und zu Wasser, Posten, die Anweisung haben zu schießen, wenn Flüchtende auf Zuruf nicht stehenbleiben.

Betreten nur mit Dokumenten des grenzüberschreitenden Verkehrs gestattet

Dann sind da die berüchtigten Hundelaufanlagen. An manchen Stellen sind Hunde, denen man Laufleinen angelegt hat, die wiederum an einem Drahtseil befestigt sind, so dass die Hunde auf einem bestimmten Areal „frei“ herumlaufen können.
Es gibt die wildesten Gerüchte über diese Hunde. Das seien bösartige Bestien, die alles anfallen sollen, was sich bewegt und die, um sie noch aggressiver zu machen knapp im Futter gehalten werden.
Nach dem Mauerfall wurden viele der Hunde über den Tierschutzverein an Tierfreunde vermittelt. Die Hunde waren gesund, gut genährt und überwiegend freundlich. In den Laufanlagen, in denen manche der Tiere nur noch neurotisch im Kreis herumliefen, standen wohl viele nervlich dermaßen unter Dampf, dass sie beim kleinsten Geräusch losbellten.
[Es gab 1994 einen guten Titel-Artikel im Spiegel, der auch im Online Archiv zu finden ist. Heft Nr. 6]

Die Flächensperren, die man in West-Berlin „Stalinrasen“ nennt, mit langen Dornen besetzte Metallgitter, die dort wo Häuser nahe der Mauer standen und an schwer einsehbaren Stellen ausgelegt wurden, hat man Anfang der 80er Jahre entfernt. Obwohl sie zwischendurch immer wieder einmal verwendet worden sein sollen – zum Beispiel an der Versöhnungskirche bevor diese gesprengt wurde, sagt man mir.
Von den Stalinrasen bekomme ich Alpträume. Ich weiß [zu der Zeit] nicht mal wie die Dinger aussehen, aber als M. davon erzählt, von den Schreien Flüchtender, die auf so eine Sperre gefallen sind, ist das schon mehr, als ich je wissen wollte. Ich halte mir die Ohren zu und rufe „Hör auf, ich will das nicht hören. Das ist grauenhaft!“.
M. zuckt die Achseln und sieht mich so ein bisschen mitleidig-verächtlich an.
Ich kann nichts dafür. Ich bin ziemlich empathisch und bei solchen Schilderungen fange ich an zu weinen. Und ich weiß auch, dass ich dieses Wissen nie wieder loswerde. Es ist abgelegt unter „Dinge, die Menschen Menschen antun“ und es kann mich jederzeit und unvermittelt wieder heimsuchen.
Mittlerweile sind die Dinger Museumsexponate.

http://www.ipernity.com/doc/26252/10353274

Minenfelder und Selbstschussanlagen (also Splitterminen, die durch Drahtberührung ausgelöst werden) gab es übrigens nie an der Grenze zu Berlin. Es wäre für die DDR ein PR-Desaster gewesen, wenn da ein Flüchtiger im Angesicht der Westmedien auf eine Mine getreten oder in den Geschosshagel einer SM70 geraten wäre.

Die Bezeichnung „Mauer“ hat übrigens Walter Ulbricht zuerst benutzt, als er am 15.6.1961 darauf hinwies, dass niemand die Absicht habe, eine solche zu errichten.
Wer sich den, in der DDR offiziell verwendeten Euphemismus „antifaschistischer Schutzwall“ hat einfallen lassen, ist mir nicht bekannt.

Achtung Sektorengrenze!

Die West-Berlin zugewandte Seite der Mauer ist eine Riesenmal- und -schreibfläche.
Man hinterlässt seinen Namen („Karl was here“, „Steffi was here“) gerne auch mit Datum, dumme Sprüche ( „Ich geh kaputt, gehst du mit?“ „Legalize Erdbeereis“ „Erich komm raus!“), Liebesgeständnisse, Beschimpfungen, Kommentare zur aktuellen Politik, Kommentare zur Mauer. Mehr oder weniger talentierte Künstler verzieren die Mauer mit Strichmännchen, Comicfiguren, kunstvollen Bildern und Kunstprojekten.
Zu den beliebtesten Motiven, die da an die Betonwand gemalt oder gesprayt werden gehören – neben Kilroy – Leitern, Türen, Löcher

http://www.graffiti.org/berlin/berlin_1.html

Sie verlassen jetzt West-Berlin“ steht auf dem Schild vor der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Jemand hat dann irgendwann die völlig berechtigte Frage „Wie denn?“ drauf geschrieben.
Hier scheint „Wie denn?“ zu „Wotan“ mutiert zu sein:

http://einestages.spiegel.de/static/document/644/warnschild.html?d=IMAGE%2CSPON_VIDEO%2CPDF&o=original_publicationdate-DESCENDING&s=38100&r=50&of=35&z=50&cp=762&c=1

[Auf dem verlinkten zeitgenössischen Foto ist übrigens auch ein Kilroy zu sehen (für Blindfische: links auf der Mauer)]

Die Hinterlandmauer ist nackt.

Filme Souvenirs Getränke

Die Mauer ist eine tolle Film- und Fotokulisse.
Touristen, Politiker, Stars und Sternchen lassen sich vor der Mauer fotografieren
Filme werden an der Mauer gedreht. Filme über die Mauer werden gedreht.
Musiker lassen sich an der Mauer fotografieren, drehen dort Filme und Musikvideos und veranstalten Konzerte.
Mein Lieblings-Mauer-Musik-Video (eigentlich eine Fernsehaufnahme im Rahmen vom Rockpalast) ist das „Naturkatastrophenkonzert“ von „Die tödliche Doris“.

http://www.youtube.com/watch?v=t4JZrtYXW9E

Der Clip-Untertext stimmt übrigens nur halb: Nur das linke Haus (an der Adalbertstrasse) steht in Ost-Berlin. Die Kirche, rechts im Bild, steht im Westen.

Wenn man länger in Berlin ist, wird die Mauer zum Alltag.
Oft sieht man sie nicht mehr, nimmt sie nur noch wahr, so wie man eine eine Hauswand, eine Bushaltestelle oder eine Laterne wahrnimmt. Man denkt nicht jedesmal „Oh, die Mauer!“, man registriert sie nur, halb unbewusst und läuft immer an der Wand lang.

Menschen leben mit der Mauer und neben der Mauer.
Es gibt Hinterhöfe, Gärten, Schrebergärten, Spazierwege und neben der Mauer.
Im Schatten der Mauer werden Kartoffeln gepflanzt, Rosen geschnitten, Teppiche ausgeklopft, wird Kaffeeklatsch gehalten, Wäsche aufgehängt, Radio gehört.
Im Schatten der Mauer steht ein Kinderplanschbecken, ein Grill mit Würstchen drauf, ein Kasten Bier, eine Gießkanne, ein Kirschbaum.
Im Schatten der Mauer spielen Kinder. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?, Flohhüpfen, Fußball: Wenn der Ball über’s Tor hinausfliegt – Pech gehabt.

Hunde pinkeln an die Mauer. Männer pinkeln an die Mauer. Leute werfen nachts heimlich Sperrmüll an die Mauer. Kinder werfen Knallfrösche über die Mauer. Jugendliche werfen Flaschen an der Mauer kaputt.

Eine Busladung Touristen ergießt sich an einer markanten Stelle, an der mindestens eine Besucherplattform, oft auch ein Wurstmaxe, ein Eiswagen und/oder ein Andenkenstand sind. Sie machen Fotos. Sie kritzeln irgendwas auf den Beton. Sie werfen Getränkedosen, Bonbons, Zigarettenschachteln, Pornohefte über die Mauer.

Eine junge Frau klettert auf eine Besucherplattform, ruft die Wachposten, winkt ihnen zu, zieht ihr T-Shirt hoch und zeigt den Posten ihre Brüste.

Ein Mann steht an der Ecke Lindenstraße (heute Axel-Springer-Straße) und Kommandantenstraße mit dem Gesicht zur Mauer und dreht sich, als eine Freundin und ich vorbeigehen, zu uns um, um uns seinen Schwanz zu zeigen. „Bleibt ei’m ooch nüscht erspart,“ kommentiert S. trocken.

Achtung Lebensgefahr! Wasserstraße gehört zum Ostsektor von Berlin

Am Gröbenufer ist es in der Abenddämmerung sehr schön, wenn man die Hinterlandmauer auf der anderen Seite und die Patrouillenboote übersieht und, wenn man vergisst, dass hier in den Siebziger Jahren mehrere Kinder ertrunken sind. Die Rettungskräfte konnten sie nicht aus dem Wasser holen, weil die Spree an dieser Stelle Hoheitsgebiet der DDR ist.
Später hat man dann so gestreifte Notrufsäulen am Spreeufer aufgestellt, mit denen West-Berliner Rettungskräfte alarmiert werden konnten und gleichzeitig die Patrouillenboote durch eine Warnleuchte informiert wurden.

Immer wieder irgendwo in Berlin Kreuze und Blumen.
Am bekanntesten sind die Kreuze in der Bernauer Straße, in der Zimmerstraße, am Reichstag. Immer wieder Stellen an der Mauer, an der Spree wo Menschen Blumen niederlegen.

N. wohnt in Kreuzberg
An einem lauen Sommerabend fahren wir ihn das erste Mal besuchen. Ich lehne am offenen Fenster, schaue beiläufig, wie man das manchmal so macht, hinaus und denke „Was ist das denn für ein hässlicher Parkplatz?“
Dann sehe ich den Wachturm und mir rutscht ein „Ach du Scheiße!“ raus.
Da ich mit Besucherplattformen so meine Schwierigkeiten habe, kenne ich den Todesstreifen nur von Fotos. Die unerwartete Aussicht aus N.’s Fenster erschreckt mich und ich flüchte schnell ins Innere der Wohnung.
N., der meinem Blick gefolgt ist, sagt: „Ach, das.“
Für ihn ist das durch Gewöhnung kein besonderer Anblick. Seine Probleme mit der Mauer sind praktischer Natur. Eine der Lampen scheint in sein Zimmer und er ist gezwungen nachts einen Vorhang vorzuziehen, weil er sonst nicht schlafen kann, obwohl er Vorhänge eigentlich nicht mag.

Fin du Secteur Français

J., der jwd in Neukölln wohnt, ist etwas blass um die Nase und erzählt, er sei früh morgens von Lärm und Hektik wach geworden, von Explosionen. Dann haben Anwohner erzählt, jemand sei wohl im Grenzstreifen erschossen worden.
Ich – und vermutlich nicht nur ich – denke, er hätte sich das als Ausrede für sein Zuspätkommen ausgedacht. Das alles scheint eine Spur zu dick aufgetragen. Mittags hören wir es dann im Radio.
Bis zu J.’s Geschichte war ich ahnungslos unterwegs – ich kann einen Schuss nicht von einer Fehlzündung oder von einem verfrühten Chinaböller unterscheiden.
Nun machen mich auch Fehlzündungen und Chinaböller nervös, wenn ich in Hörweite der Mauer bin.

Halt Hier Grenze!

Ein anderes Mal in N.’s Wohnung in Kreuzberg.
Ich sitze am Küchentisch auf der Eckbank am Fenster. N. macht Tee, knipst das Licht in der Küche an, weil es dämmert. Drüben, auf der anderen Seite der Grenze gehen auch nach und nach Lichter an.
N.’s Wohnung ist einer der Orte in Berlin an denen mir die Existenz dieser Grenze deutlich bewusst ist.
Gleichzeitig ist es ein Ort, wo ich die Nähe der anderen Seite schmerzlich wahrnehme, gerade in Momenten wie diesen. Blaue Stunde dies- und jenseits der Mauer.
Wäre das nicht der Grenzstreifen sondern wirklich nur ein hässlicher Parkplatz, ein Hinterhof, dann wäre das gar keine Entfernung.
Man würde sich kennen, sich beim Bäcker, an der Haltestelle, in der Kneipe treffen. Man würde die Leute aus den Häusern gegenüber kennen. Nette Leute, doofe Leute und die Sorte Leute, denen man am liebsten eine scheuern würde.
Tratschtanten, die den neusten Klatsch austauschen, Besoffene, die sich von Laterne zu Laterne nach Hause hangeln, freche Gören, die an den Türen klingeln und dann abhauen, Rentner, die auf ihrer mit Kissen gepolsterten Fensterbank lehnen und das Treiben auf der Straße beobachten – Nachbarschaft halt.
„Du hast dummerweise die Politik außer Acht gelassen,“ sagt die Peitschenlampe vor N.’s Fenster und schlägt mir die Sterne in die Augen.

Vy vyezzhaete iz amerikanskogo sektora

Ja, die Lampen – Nachts ist der Todesstreifen wunderschön anzusehen, zumindest, wenn man ein wenig auf Distanz geht.
Die Vogelperspektive ist noch nicht so ganz das Gelbe – da könnte man den Grenzstreifen auch für eine Straße halten.
Aber überall, wo man ein längeres Stück Mauer und Beleuchtung erblicken kann, sehen diese gleichmäßig aufgereihten Lampen aus wie Perlen aus Licht.
Wenn man durch die Stadt läuft, sieht man immer wieder zwischen Häuserreihen ein märchenhaftes Gleißen.
P. fragt, nach einem Stadtbummel, als sie dieses Schimmern sieht: „Oh, welches Bauwerk wird denn dahinten so schön angestrahlt?“
„Das ist der Todesstreifen.“ antworte ich zerstreut. Dann merke ich, dass ich die Unterhaltung abgewürgt habe.

Aber wie soll man auf so eine Frage wahrheitsgemäß antworten, ohne die Stimmung zu verderben?

Triage

Aufgenommen am 23.07.2010 – Ich wollte eigentlich zum Fotografieren hin, aber es fuhr keine U-Bahn und ich hatte keine Lust mit dem Fahrrad stundenlang durch die Gegend zu fahren.

Disziplin!

Ja, daran mangelt es mir eindeutig. Allerdings teile ich mir gerade das Laptop, d.h. es steht mir relativ begrenzt zur Verfügung und das, wo ich gerade wieder an einer Geschichte schreibe, drei Videos und diverse Fotos bearbeite. Nebenbei habe ich noch Haarstäbe gebastelt. Ich muss mir mal irgendwas mit Selbstüberlistung ausdenken, damit hier etwas Regelmäßigkeit reinkommt.

Wie dem auch sei, inzwischen kann ich noch meine Tumblr-Seite, die ich mir vorallem für meine unberechenbare Handykamera (mittlerweile von mir als „My Digital Lomo“ bezeichnet) eingerichtet habe, anbieten.

Pank

Heute auf der Fahrt nach Hause von der Arbeit, stieg ein junges Mädchen in die Bahn ein. Sie hatte die Haare hochgestrubbelt und hinten auf ihrer Jacke stand ganz groß „Schleim Keim“. Sie sah aus wie 14, kann durchaus auch etwas älter gewesen sein, aber sie war bestimmt noch nicht auf der Welt als Schleim Keim gegründet wurde.  Das hat mir den Tag versüßt.

Grenzstreifung DDR (#3) – Klassenfahrt Teil II Ausflug nach Ost-Berlin

Der Tagesausflug nach Ost-Berlin stand an. Das war natürlich sehr aufregend. Die Warnungen unserer Eltern waren auch nicht einfach an uns abgeprallt und wir waren schon ein wenig besorgt. Wurde man tatsächlich sofort verhaftet, wenn man Anstecker oder, noch schlimmer, eine Tüte mit dem Aufdruck „Der Spiegel“ trug? Wir riskierten nichts und ließen Badges, alle irgendwie beschrifteten Tüten, PLO-Tücher sowie andere verfängliche Gegenstände vorsichtshalber im Hotel.

Wir fuhren mit der U-Bahn zum Bahnhof Friedrichstraße, in dem sich der Grenzübergang befand. Dass wir die U-Bahn, nicht die S-Bahn nahmen hatte einen praktischen Grund. Eine unserer Mitschülerinnen hatte keine deutsche Staatsbürgerschaft und musste deswegen zum Checkpoint Charlie. Unsere Mitschülerin stieg an der der Kochstraße aus und ging von dort aus die Friedrichstraße entlang zum Grenzübergang, während wir anderen noch ein paar Stationen weiter zum Bahnhof Friedrichstraße fahren mussten.

Es gibt da übrigens widersprüchliche Aussagen, was den Bahnhof Friedrichstraße betrifft. Manchmal lese ich, dass der Grenzübergang auch von Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft genutzt werden konnte, dann wieder, dass diese Personen ausschließlich am Checkpoint Charlie in die DDR einreisen durften.

Wie dem auch sei, in den späten 70ern ging das nur über den Checkpoint Charlie*.

Vielleicht ist auch nicht allen bekannt (oder man hat’s mit dem Alter vergessen <g>), dass der Bahnhof Friedrichstraße in Ost-Berlin lag. Er wurde aber trotzdem mit Zug und U-Bahn aus dem Westen angefahren. Der Ost-Berliner Teil des Bahnhofs war durch eine Glaswand bzw. später eine Metallwand vom Westteil getrennt. An die Glaswand kann ich mich nur ganz undeutlich erinnern. Aber diese undurchsichtige Wand passte sich in den Bahnhof ein und fiel nicht so auf wie später die Metallwand.

Wenn man mit der U-Bahn fuhr waren zwischen Westteil und Friedrichstraße auch ein paar U-Bahnhöfe im Ostteil Berlins. Diese waren verschlossen; oberirdisch zugemauert und unterirdisch bewacht. Wenn man auf den entsprechenden U-Bahnlinien unterwegs war, kam an der letzten Station im Westen eine Durchsage, im Falle der U6 mit der wir unterwegs waren: „Kochstraße, letzter Bahnhof in Berlin-West“, da konnte sich dann jeder, der da nicht entlang fahren wollte aus der Bahn schwingen und für alle anderen ging’s weiter. Die U-Bahn fuhr dann an den verlassenen, schwach beleuchteten Stationen vorbei. Es war immer ein bisschen gruselig, so dass die Bezeichnung „Geisterbahnhof“ wirklich hervorragend passte.

Auf youtube hat jemand ein Video von so einer Fahrt eingestellt. Leider ohne die tolle Ankündigung vorneweg:

Nach ein paar Stationen hielt die U-Bahn im Bahnhof Friedrichstraße und wir stiegen aus. Der Bahnhof war ein einziges Labyrinth, noch dazu auf mehreren Etagen. Ich weiß nur, dass wir da endlose Gänge entlang liefen bis wir bei der Passkontrolle landeten.

Die Dame am Schalter war kurz angebunden und guckte so oft zwischen Passbild und meinem Gesicht hin und her, dass ich mich schon fragte, ob mir eine zweite Nase gewachsen war. Da war auch ein Schild, das anzeigte, wo man hin musste, wenn sie einen durchsuchen wollten. Ich war echt eingeschüchtert vom Ambiente des Bahnhofs und dem Gebaren der dort Beschäftigten.

Nach der Passkontrolle musste man Geld umtauschen. Ich gab mein Geld ab und kriegte die gleiche Summe in Ostmark in einer durchsichtigen Plastiktüte zurück. Ich meine ja, es waren 10 DM, obwohl ich an verschiedenen Stellen gelesen habe, dass zu der Zeit der Mindestumtausch bei 6,50 DM lag. Im Prinzip ist das auch egal, für mich als Schülerin war das so oder so kein Pappenstiel.

Draußen vor dem Bahnhof trudelten wir dann alle nach und nach ein. Als wir vollständig waren liefen wir zunächst Richtung „Unter den Linden“, wo wir unsere ausländische Mitschülerin wieder trafen. Wir durften einen Blick die Allee hinunter zum Brandenburger Tor werfen und gingen dann in die entgegengesetzte Richtung. Das fand ich doof. Ich hätte das Tor gerne mal von vorne gesehen.

Wir durften kurz die Wachposten vor dem Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus (Neue Wache) bestaunen. Danach mussten durften wir ins Pergamon-Museum. Okay, das Wetter war nicht so doll, unser Lehrer unterrichtete u.a. Geschichte und das Pergamon war berühmt, aber in meinen Augen war das die blödsinnigste Aktion aller Zeiten. Wir waren nach Ost-Berlin gefahren, hatten die Möglichkeit den anderen Teil der Stadt zu besichtigen und gingen in ein Museum.

Der Aufenthalt ebendort schien auch ewig zu dauern, weil unser Lehrer stundenlang über Ausstellungstücke schwadronierte, die außer ihn keinen Menschen zu interessieren schienen. Ich meine, nicht mal die Streber, die immer noch eine intelligente Frage stellen müssen, damit sie bemerkt werden, damit der Lehrer sieht, dass sie mitdenken usw., selbst diese Arschkriecher hielten ausnahmsweise mal die Klappe.

Die ganze Museumsführung ging mir dann auch komplett zum einen Ohr rein und zum andern wieder raus. Ich weiß aus Büchern (!), was im Pergamon-Museum zu besichtigen ist, aber ich habe nicht mal den Hauch einer Erinnerung daran, diese Exponate tatsächlich einmal gesehen zu haben.

Irgendwann waren wir dann durch und durften raus. Es ging im Eilschritt runter von der Museumsinsel, so nach dem Motto „Hier der Dom, da der Palast der Republik“, keine weitere Erklärung, nur noch nix wie weg. Wir gingen zum Alexanderplatz und durften uns dann (endlich) eine Weile in kleinen Gruppen, unbeaufsichtigt von den Lehrern die Zeit vertreiben. Die meisten fuhren auf den Fernsehturm, was sich bei dem mistigen Wetter** bestimmt sehr gelohnt hat.

Ich war mit drei Leuten unterwegs und wir gingen erst einmal essen. Wo wir gegessen haben, weiß ich nicht mehr. Alles in dem Laden schien aus Resopal zu bestehen und es war da drin so gemütlich wie in einer Werkskantine. Was ich gegessen habe, weiß ich auch nicht mehr, aber über die Orangenbrause, die ich dazu bestellt hatte, kann ich das leider nicht sagen. Die schmeckte wirklich dermaßen grauenhaft, dass ich mich an den Geschmack heute noch deutlich erinnern kann. Das Zeugs schmeckte in etwa so wie billiges Spülmittel riecht.

Das soll jetzt nicht heißen, dass es sowas Scheußliches exklusiv im Osten gab. Im Westen gab es ein sogenanntes Fruchtsaftgetränk [sprich: gelb gefärbtes Wasser, an dem mal ein Stück Obst vorbeigeflogen ist], das schmeckte genauso. Eigentlich war das geschmacklich sogar noch fieser, weil keine Kohlensäure drin war. Bei dem Westgesöff war man aber vorgewarnt. Das sah schon aus als hätte einem jemand ins Glas gepinkelt, während die DDR Limo als lecker Brause getarnt war.

Nach diesem Geschmacksereignis liefen wir ein bisschen in der Gegend herum. Wo genau wir unterwegs waren, weiß ich nicht, aber je weiter wir uns vom Alexanderplatz entfernten, desto maroder sahen die Häuser aus. Wir wollten uns auch nicht ganz so weit entfernen, da keine von uns einen Stadtplan hatte und die Vorstellung hier „im Feindesland“ verloren zu gehen, ließ uns gruseln. Stattdessen gingen wir zurück und sahen uns die Sehenswürdigkeiten am und um den Alexanderplatz an. Dabei entdeckten wir das Centrum Kaufhaus und witterten die Chance den Rest des zwangsumgetauschten Geldes quitt zu werden.

Als wir aus der Buchabteilung kamen, rannten wir prompt der Lehrerin in die Arme, die meinte „Ihr wisst schon, dass das alles ideologisch gefärbt ist?“. Heute fallen mir spontan gleich mehrere sarkastische Antworten auf diese rhetorische Frage ein, aber damals hielten wir natürlich die Klappe und guckten unschuldig, zumal ein Mädchen aus unserer Gruppe und ich sowieso schon wegen der Aktion mit der Besucherplattform angezählt waren.

Ich habe letztendlich ein paar Postkarten und ein Fläschchen Ausziehtusche gekauft. Den Rest des Geldes haben wir Jugendlichen gegeben, die in der Nähe des Grenzübergangs herumliefen.

Zur Ausreise ging es durch den Tränenpalast. Da war dann die Zollkontrolle und eine Passkontrolle, wo sie einem das Visum, das man bekommen hatte, wieder abnahmen. Danach ging es durch irgendeine Tür wieder in dieses Labyrinth von Bahnhof und runter zur U-Bahn. Es stiegen einige Leute ein, die Tüten mit Schnapsflaschen und Zigarettenstangen bei sich hatten. Wir guckten wohl doof und die Lehrer erklärten uns leise, dass die sich verbotenerweise im Intershop günstig mit Schnaps und Zigaretten eingedeckt hatten. Wenn sie der Zoll erwischte, hätten sie mächtig Ärger. (Betonung auf natürlich auf „verbotenerweise“ und „mächtig Ärger“, damit wir gar nicht erst auf blöde Gedanken kamen.) Die Leute, die mit uns an Bord waren, hatten Glück, es wurde nicht kontrolliert.

Nachdem wir den ganzen Tag herumgelaufen waren, waren alle erschöpft und froh als wir endlich wieder im Hotel ankamen.

* In den späten 70ern hatte der Checkpoint Charlie übrigens nur entfernte Ähnlichkeit mit der gleichnamigen Touristenattraktion, die man heute an gleicher Stelle findet. Man muss sich die Souvenirhändler, die Cafés, die Werbetafeln, den Trubel, die Touristen und die in Uniform posierenden Studenten wegdenken. Die Fassaden der Häuser entlang der Friedrichstraße waren grau und sahen renovierungsbedürftig aus.
Das Häuschen mit den Sandsäcken davor, das dort jetzt steht, ist ein Nachbau des ersten Kontrollhäuschens aus den frühen 60ern. In den späten 70ern stand da ein rechteckiger Kasten mit Glastür ohne Sandsäcke. Ein Schild mit der Information, dass man den amerikanischen Sektor verlässt stand auch ungefähr da, wo heute das nachgemachte Schild steht.
Dahinter, ein Stück die Straße hinunter war dann die Mauer und ein Schlagbaum. Der Übergang wurde mit den Jahren auf der Ostseite immer weiter ausgebaut, so dass das irgendwann richtig nach Grenzübergang aussah mit mehreren Spuren für Kraftfahrzeuge usw.. Im Westen stand immer nur eine kleine, hässliche Butze.

**Das Wetter ist übrigens nicht nur in meiner Erinnerung extrem scheußlich. Ich war neugierig, ob ich das nach der langen Zeit verzerrt wahrnehme und habe nach alten Wetterdaten gesucht: „Im Herbst 1978 herrschte häufig ungewöhnlich trübes Wetter. Die Sonnenscheindauer erreichte mit 3219 Stunden den niedrigsten Wert in den 28 Jahren, im Mittel gibt es in den drei Monaten 100 Stunden mehr Sonne.“
(Quelle: http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt01/0106doka.htm)

Apropos Lovecraft

Heute teilt mir eine Freundin mit, dass das seltsame Dingens, das Prinzessin Beatrice zur Royal Wedding auf den Kopf getackert hat, als „Cthulhu Hat“ durch’s Internet geistert. Ich bin begeistert.

Digital Life Artikel „Facebook: Cthulhu hat a bold choice for royal wedding“
http://digitallife.today.com/_news/2011/04/29/6556070-facebook-cthulhu-hat-a-bold-choice-for-royal-wedding-

Und über die Memes habe ich auch schon gekichert:

Anorak News „Princess Beatrice’s Hat Is Now A Meme“
http://www.anorak.co.uk/279928/royals/princess-beatrices-hat-in-now-a-meme-photos.html

Tekeli-li! (Lovecraft hatte Recht!)

Ich war bisher immer der Ansicht, H.P. Lovecrafts Geschichten seien reine Fiktion, doch nun habe ich etwas Grauenvolles im Internet entdecken!

Schogoten? Obwohl es falsch geschrieben ist, wurde mir sofort klar, dass Schoggothen (es gibt da unterschiedliche Schreibweisen) gemeint sind. Mein anfängliches Grausen wandelte sich in blankes Entsetzen, als ich noch einmal eine Schlüsselpassage aus „Die Berge des Wahnsinns“ nachlas

„Fraglos meinte Abdul Alhazred jene Gallertklumpen, von denen er in seinem schrecklichen Necronomicon als den „Schoggothen“ raunte, obwohl selbst dieser wahnsinnige Araber keinen Hinweis darauf gab, dass sie einst auch auf der Erde existierten, außer in den Träumen derer, die ein bestimmtes alkaloidhaltiges Kraut zerkaut hatten. Als die sternenköpfigen Großen Alten auf unserem Planeten ihre simplen, essbaren Schoggothen hergestellt und einen reichen Vorrat von ihnen angelegt hatten, ließen sie zu, dass sich andere Zellgruppen zu tierischen und pflanzlichen Lebensformen für die unterschiedlichsten Verwendungsarten entwickelten, beseitigten aber alle, die ihnen nicht behagten“ – H.P. Lovecraft „Berge des Wahnsinns“ *)

Als ich das Schoggothen-Angebot im Internet entdeckte, hatte ich kein bestimmtes alkaloidhaltiges Kraut zerkaut und war hellwach. Alles fügte sich zusammen. Die einzelnen Teile waren immer da gewesen, ich hatte sie nur nicht gesehen. Nicht nur, dass Schoggothen als Nahrungsmittel dienten, nein, man hat sie auch mit einem eindeutigen Hinweis versehen.

Wie kann man je wieder das hier ansehen

und nicht an die „sternenköpfigen Großen Alten“ denken?

IÄ! IÄ! Yog Sothoth Neblod Zin! Ich nehme dann Schoggothen in den Geschmacksrichtungen „Urzeitliches, weißes Gelee“ und „Protoplasma-Nuss“.

*) H.P. Lovecraft, „Berge des Wahnsinns“: „At the Mountains of Madness“© 1936 / Street and Smith Publishing Company for Astounding Stories Magazine.

Aus dem Amerikanischen von A. F. Fischer © Ausgabe 2007 / Festa Verlag, Leipzig